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Die Insel meiner Träume eben.

Interview & Texte mit und von der Poetry Slammerin Alina Pfeifer

von Daniela Kastrau| 13. September, 2021

Alina hat ein freiwilliges soziales Jahr auf Borkum gemacht und in dieser intensiven Zeit vor Ort die Insel kennen und lieben gelernt. Leider zog es sie nach Beendigung des sozialen Jahres weiter, doch sie hat uns wunderschöne Texte hinterlassen.


Wie lange kommst du schon nach Borkum?
Ich war tatsächlich das erste Mal im Juli 2018 auf der Insel. Davor bin ich jahrelang nach Sylt oder auf andere Inseln gefahren. Und dabei habe ich versäumt Borkum zu entdecken, welch eine Schande! Und ja, ich weiß, Sylt ist nicht gerade beliebt auf Borkum und müsste ich
mich entscheiden, würde ich immer Borkum wählen!

Du hast ein freiwilliges soziales Jahr auf Borkum gemacht. Wo hast du das gemacht und wieso Borkum?
Ich habe mein Bundesfreiwilligendienst in der Nordseeklinik im Bereich der Physiotherapie absolviert. Ich wollte nach dem Abitur einfach mal raus und was Anderes sehen, aber ich wollte nicht wie jeder andere ins Ausland. Und da ich schon immer die Nordsee geliebt habe und mir auch ein Jahr Zeit nehmen wollte, um mich beruflich zu orientieren, habe ich damals die zwei Begriffe „Physiotherapie“ und „Nordsee“ gegoogelt. Und wirklich, die Nordseeklinik war der erste Treffer. Heute funktioniert das nicht mehr, habe es ausprobiert, aber ja, vor drei Jahren war das so, dann sollte es wohl so sein!

Was bedeutet Borkum für dich?
Puh, ziemlich viel. Ich weiß gar nicht, ob und wie ich das in Worte fassen kann. Borkum ist für mich ein Ort zum Ankommen, ein Ort, um zur Ruhe zu kommen. Ich habe in dem Jahr auf Borkum viel über mich gelernt. Und ich glaube, nein, ich weiß, dass ich in diesem Jahr einfach so glücklich und zufrieden war, wie noch nie zuvor. Borkum ist für mich ein Ort des Glücks, der Weite, des Unbeschwert seins. Ein Ort, wo man ganz man selbst sein kann. „Mein Anker liegt hier. Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein.“ Die Insel meiner Träume eben. Und ich weiß nicht, ob es bloß daran liegt, dass ich das Meer dort am schönsten finde, aber ich habe das Gefühl, dass dort auf Borkum, am Meer, der Himmel die Erde trifft und beim Sonnenuntergang sogar küsst.

Woher kommt deine Passion für das Schreiben?
Ich habe das Gefühl, dass ich durch das Schreiben alles, was mich bewegt, zum Ausdruck bringen kann. Aufgeschriebene Gedanken quasi. Ich habe mal in einem Text geschrieben: „Ich schreibe, nicht, weil mir die Welt gefällt. Sondern, weil sie mir nicht gefällt, schreibe ich. Schreibe ich, wie es mir gefällt.“ Beim Schreiben gibt’s keine Grenzen. Und das Schönste ist dabei, dass man mit seinen Gedanken, mit seinem „Ich-Sein“ Menschen berühren kann, ohne sich verstellen zu müssen.

Text „Warum ich die Nordsee liebe“:

Ich war nicht mal auf der Welt und liebte bereits die Nordsee. Erblickte noch
nicht das Licht der Welt und wusste, dass es das Licht des Leuchtturms ist,
was ich brauche.
Ich bin jedes Jahr zur selben Zeit am selben Ort, Heimat. Dann bin ich zu
Hause.
Jedes Mal fängt es auf die gleiche Art und Weise an. Ich mache das Fenster
runter, kann den Duft riechen und weiß, ich bin angekommen.
Ich muss nie lange suchen, sondern kann sofort anfangen zu finden. Zu finden
die ganzen Antworten auf all die Fragen.
Ich packe mein Fahrrad und mache eine Fahrradtour, quer durch diesen Ort,
um allen Menschen »Hallo« zu sagen, mitzuteilen, ich bin jetzt da.
Für mich war der Campingplatz dort auf dieser Insel das 5-Sterne-Hotel.
Als kleines Mädchen hab ich dort das Fahrradfahren gelernt. Konnte fünf
Minuten allein fahren und kaufte mir ein Eis, glaubte, bereits einhändig
fahren zu können. Und so trug ich stolz mein Eis und fuhr los und fiel hin.
Aber das gehörte dazu. Dieses kindliche Vertrauen, die Naivität, die einen
fallen lässt. Worüber man aber später lachen kann.
Ein paar Tage später konnte ich ja schon richtig Fahrrad fahren und wollte die
ersten Kunststücke lernen, weil die coolen Jungs das auch konnten. Also fuhr
ich diesen steilen Hügel runter und danach die Treppe und, naja, was soll ich
sagen, ich fiel hin, mal wieder.
Eine Woche danach konnte ich schon schnell fahren und fuhr zu schnell um
diese Kurve, diese Schotterkurve, und ich fiel, schon wieder. Und mein Knie
blutete, bis heute trage ich diese Narbe. Mit Stolz. Denn ich kann Fahrrad
fahren, weil ich es lernte, mit Schmerz und Wunden, aber mit Abenteuerlust.
Ich bin ein Inselkind. Ich bin dort nicht geboren, aber diese Liebe, tief in mir
drin, wird nicht zu Ende gehen.
Und bin ich an der Ostsee oder in den Bergen, vermisse ich die Nordsee und
diese eine bestimmte Brise Wind, Ebbe und Flut, die Heckenröschen und das
Gefühl von Heimat.
Ich fühle mich nirgendwo so sicher wie in den Dünen, dort direkt am Meer,
wo man den Naturgewalten ausgesetzt ist. Verrückt, sicher in der unberührten
Natur.
Mein Anker liegt hier, »hier bin ich Mensch, hier darf ich sein«.
Ob Wind, ob Hagel, ob Sturm, ob Wolken, ob Schnee, ob Regen, ob Sonne,
das Inselleben ist ein Segen.
Und ich fange an, Pläne zu schmieden, was und wann ich es mache, doch nur
die Frage nach dem Wo bleibt aus, denn hier, genau hier, ist mein Zuhaus.
In der Nordsee lernte ich das Schwimmen, das Baden und das Planschen. An
der Nordsee lernte ich das Fahrradfahren, das Glücklichsein, das
Zufriedensein, das Kindsein, das Ankommen, das Teilen, das Lachen, das
Leben.
Und so sitze ich jetzt da, beobachte die Regensäulen in der Ferne, sehe den
Regenbogen und warte auf den Sturm. Genieße die Ruhe vor dem Sturm, der
mich trägt davon.
Denn bin ich mal nicht auf der Insel, schließe ich die Augen und suche den
Leuchtturm, der mir weist den Weg, und dann schon rieche ich das Meer,
höre die Möwen und den Hagel auf dem Zelt, schmecke den Crèpe und das
Salz. Spüre den Wind in den Haaren und so bleibt es die ganzen Jahre.
Mein Herz geteilt in zwei Heimatorte.
Den bei dir. Und den bei mir, hier auf der Insel.
Wo ist dein Zuhause? Wo kommst du an?
Ich bin zuhause, wenn ich mich fühle wie am Meer, wie an der Nordsee.
Frei. Unbeschwert. Wohl. Zufrieden. Glücklich.
Ich breite meine Arme aus, der Wind verfängt sich darin und lässt mich
glauben zu fliegen. Ich steh ganz oben und öffne die Augen. Ich suche den
Horizont ab. Und höre auf zu suchen und fang endlich an zu finden. Ich bin
fast da.
Ich war nicht mal auf der Welt und liebte bereits die Nordsee. Erblickte noch
nicht das Licht der Welt und wusste, dass es das Licht des Leuchtturms ist,
was ich brauche.
Ich liebe die Nordsee. Noch mehr die Inseln. Kein Entkommen. Kein
Weglaufen. Keinen festen Boden unter den Füßen, sondern Sand. Viel besser,
das Leben am Strand.

Anker
Sicherer Hafen
Draußen im Sturm
Hier kann ich sein
Nordseeliebe

 

Text „In den Dünen“:

Ich laufe los. Bin fast da. Da in den Dünen, weit weg vom Trubel.
Auf der Bank mitten im Nirgendwo.
Die Halme knicken, die Drachen steigen, das Meer rauscht, die Sonne
scheint, die Möwen sagen mir: Ich bin am Meer.
Da sind Schiffe in der Ferne. Ich spüre das Salz auf der Haut, den Wind in
den Haaren und den Duft in der Nase.
Die Büsche rauschen und ich fang an zu begreifen, wie wunderbar die
Schöpfung ist.
Der Wind bläst alle dummen Gedanken weg, endlich wieder kann ich klare
Gedanken fassen. Glasklar, Himmel ohne Wolken, klare Gedanken.
Der Wind weht durch meine Haare, das Meer kann ich sehen und hören, Salz
und Sand auf der Haut, die Sonne scheint und die Möwen schreien; ich bin
da.
Eben noch bin ich Fahrrad gefahren – wie damals als Kind. Und der
Gegenwind kam, er wurde heftiger, ich konzentrierte mich auf die
Anstrengung und vergaß dabei beinahe das Strampeln. Ich wollte aufhören
und losweinen – wie damals am Berg.
Eben noch war ich laufen, bin weggelaufen. Und da war dieser Duft, der Duft
des Sommers. Des Sommers, an dem ich meinen Koffer mit Spielsachen
packte, nachts ins Auto stieg, zu früh mein Frikadellenbrötchen aß und später
den Sommer meines Lebens hatte. Das Grillen, das Chillen, die
Unbeschwertheit, den Crèpe, die Spaghetti, das Fahrradfahren. All das war
eben mal da.
Eben noch hab ich die spielenden Kinder beobachtet. Die Regeln sind immer
noch die gleichen, wie damals. Die Jungs prügeln sich aus Spaß, aber einer
will nicht mehr und sagt: »Stopp mal bitte.« Und das genügt, um ihm eine
Pause zu gönnen. Er wird in Ruhe gelassen.
Die weiße Flagge gehisst, den Frieden angenommen.
Heute dieselbe Flagge gehisst, den Krieg bekommen.
Eben noch habe ich die Mädchen gesehen, die ein Rad schlagen, einen
Handstand machen und einen Kopfstand können. Es ist wie früher. Mädchen
machen das, vor vielen Leuten. Doch es ist wie früher, ich kann es nicht.
Ich sitze still da und beobachte schweigend. Sehe die Bühne mitten in den
Dünen. Sehe Pärchen und die Leute gaffen mich an. Also jedenfalls denke ich
das.
Ich denke über die Gedanken der Denkenden nach, die wahrscheinlich gar
nicht über mich nachdenken.
Die Sonne geht an einem Freitag unter. Der Mond kommt. Ja wirklich, es ist
zunehmender Mond. Neben dem Mond leuchten die Sterne.
Und so blick ich in die Ferne.
Die Schiffe sind immer noch da, aber jetzt beleuchtet. Ohne Dunkelheit
würde das Licht nicht leuchten.
Es wird kalt. Meine Jacke reicht nicht mehr.
Früher, da reichte der Pulli. Uns war warm, so viel sind wir gerannt.
Eben noch hab ich die Jungs gesehen, bis einer weint, hab ich gedacht, so wie
es früher immer von den Eltern geschimpft wurde. Bis einer weint hab ich
eben noch angepisst gedacht. Und jetzt weint der Junge. Und so wurde ich
erwachsen. Vom Kind zum großgewordenen Kind.
Eben noch schien alles so friedlich, und jetzt ist die Sonne weg.
Und jetzt sitze ich auf der Bank, mitten in den Dünen, aber es ist eine andere.
Ich gucke jetzt auf das Meer, nicht mehr auf den Deich, denn ich bin
erwachsen geworden.
Die Regeln sind die gleichen, das Spiel hat sich geändert.
Die weiße Flagge zählt nicht mehr. Es gibt keinen Spielstopp mehr.
So ist es, so ist das Spiel des Lebens. Nur dass es absolut kein Kinderspiel ist.
Wobei, versuchen könnte man es. Die Regeln sind die gleichen.
Das Leben unbeschwert genießen, öfters schaukeln gehen, die Seele baumeln
lassen, das Leben entschleunigen, einmal mehr »Spielstopp« sagen, den
Handstand so lange üben, bis es klappt, und es als Kopfstand bezeichnen,
wenn die Welt wieder einmal Kopf steht.
Die Fahrtrichtung ändern und aus dem Gegenwind den Rückenwind machen.
Oder die Hand am Rücken zum Schieben annehmen, denn du bist immer in
seinen geliebten Händen.
Den Koffer einfach packen und den Sommer deines Lebens verbringen.
Die weiße Flagge gehisst.
Ich laufe los. Bin fast da. Da in den Dünen weit weg vom Trubel.
Auf der Bank mitten im Nirgendwo.
Die Halme knicken, die Drachen steigen, das Meer rauscht, die Sonne
scheint, die Möwen sagen mir, ich bin am Meer.
Da sind Schiffe in der Ferne. Ich spüre das Salz auf der Haut, den Wind in
den Haaren und den Duft in der Nase.
Die Büsche rauschen und ich fang an zu begreifen, wie wunderbar die
Schöpfung ist.
Der Wind weht durch meine Haare, das Meer kann ich sehen und hören, Salz
und Sand auf der Haut, die Sonne scheint und die Möwen schreien; ich bin
da.
Manche Dinge ändern sich nicht, ändern sich nie, so wie
In den Dünen

2 Antworten zu “Interview mit & Texte von der Poetry Slammerin Alina Pfeifer”

  1. Anna sagt:

    Alina! Mega das geile Interview. Ich bin stolz auch dich. Mach weit so. Dank dir habe ich die Insel lieben gelernt

  2. Chiara sagt:

    Deine Texte sind Hammer!😍❤️ Go for it!👏🏻

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